Für Mitte September 2022 meldete ich mich für „Hochtouren ab der Breslauer Hütte“ beim DAV an. U.a. sollte die Wildspitze bestiegen werden (der 2. höchste Berg in Österreich), eine Tour, die ich bereits 2011 versucht hatte, die wir allerdings damals abbrechen mußten aufgrund Schneesturm auf dem Gletscher. Wir kamen damals bis zum Mitterkarjoch. Da die Tour aufgrund Wetterlage im September 2022 nicht mehr machbar gewesen war, wurde sie auf Juni 2023 verschoben und konnte hier dann ohne Probleme durchgeführt werden. Ausrüstung: Bergklamotten inklusive guter Wärmeschichten, Gletscherequipment, Kletterausrüstung und natürlich eine Hand voll Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit im Gepäck.
22.06.2023
5 Männer und ich trafen sich früh um 7 Uhr in Bayreuth, um zusammen nach Vent im Ötztal zu fahren, wo wir gegen halb 1 Uhr ankamen, die Bergschuhe anzogen, die Rucksäcke aufsetzten und los ging’s hoch zur Breslauer Hütte auf 2844m. Vent ist für mich mittlerweile schon fast ein bißchen wie heimkommen, war ich doch schon gut 10x jetzt hier. Dort bezogen wir unsere Zimmer und stiegen dann ohne Gepäck vor dem Abendessen noch hoch zum Urkundkolm. Das Wetter sah nun ziemlich unbeständig aus und nachts sollte es stark regnen und stürmen.




Gemeinsam auf der Hütte gab es eine kleine Vorstellungsrunde und wir sprachen über das angedachte Programm für die folgenden Tage. Am kommenden Tag wollten wir je nach Wetter spontan entscheiden, was machbar wäre, für Samstag und Sonntag sah’s aber gut aus, so daß die Wildspitze am Samstag durchaus drin sein sollte.
23.06.2023
Wir trafen uns zum späten Frühstück um 7.30 Uhr. Noch „nieselte“ es aus dicken Wolken, dennoch machten wir uns gegen 9 Uhr auf in Richtung Vorderer Brochkogel (3565m). Zwar zogen die Wolken nicht wirklich auf an diesem Tag, aber es wurde trockener und so erreichten wir gemeinsam den Gipfel. Zunächst folgt man dem Seufertweg auf gleichbleibender Höhe in Richtung Vernagthütte bis man im Geröll des Mitterkars aufsteigt, um schließlich auf den Brochkogel zu kraxeln, der seinem Namen alle Ehre macht. Im oberen Teil gibt es dabei leichte Kletterstellen zu überwinden, bei denen auch Schwindelfreiheit absolut notwendig ist. Es gab dabei keinerlei Probleme in der Gruppe.







Zurück bei der Hütte waren wir nach dem Abstieg auf dem selben Weg pünktlich, so daß vor dem Abendessen noch Zeit zum Frischmachen war. Zum ausgiebigen 3-Gänge-Menü gab’s dort noch eine Nach- und Vorbesprechung – morgen also Wildspitze.
24.06.2023
Heute klingelte der Wecker früher – Frühstück bereits um 5 Uhr. Die Rucksäcke waren gepackt und so starteten wir um kurz nach 6 Uhr. Noch immer war der Himmel dick wolkenverhangen, was sich erstmal auch nicht ändern sollte, aber die Vorhersage war nicht beunruhigend. Hinauf ging es tief ins Mitterkar hinein und auf den ehemaligen Mitterkarferner, der allerdings schon lange kein Eis mehr hat. Einige Schneefelder und Bachläufe waren zu queren bis wir unterhalb des Mitterkarjochs unsere Ausrüstung anlegten: Klettergurt mit Kletter- und Gletscherequipment sowie Steigeisen, Helm und Pickel. Der Wind pfiff, und so war auch noch eine zusätzliche Wärmeschicht notwendig. Zuverlässig trocken schien es bis dahin noch nicht zu sein.
So also im steilen Schneefeld und durch eine noch steilere Rinne hoch zum Einstieg in den Klettersteig zum Mitterkarjoch. Den B/C Steig stiegen wir hinauf auf teilweise vereisten Stellen, da es über Nacht gefroren hatte hier oben.



Angekommen am Joch auf 3468m mit Blick auf den Taschachferner befanden wir uns weiterhin in einer dicken Wolke ohne Sicht. Es war windig und kalt. Das Wetter wurde immer wieder gecheckt, unser Bergwanderführer war aber keineswegs beunruhigt und so seilten wir uns an, während ein anderer Bergführer mit zwei Leuten am Seil meinte, sie würden absteigen zur Hütte – Wildspitze hätte so keinen Sinn.
Nun liefen wir als 6er Seilschaft langsam über den Gletscher ein Stück hinab und dann in Richtung Wildspitze. Auf den letzten Metern diesen Anstiegs wurde es plötzlich heller. Man spürte die Sonne förmlich bevor man sie wirklich sehen konnte und tatsächlich kurz vor dem letzten Anstieg in Richtung Kreuz riß es auf. Auf einmal war die Sicht gegeben und wir waren über dem Wolkenmeer – einfach irre!



Hier gab es nun eine kurze Rast bevor wir die letzten Meter hinauf kraxelten wieder ohne Seil, nur mit Steigeisen und Pickel. Waren gerade bei dieser Rast einige Gruppen wieder vom Gipfel heruntergekommen, so hatten wir diesen nun ca. eine halbe Stunde lang für uns alleine – 3768m über dem Meer. Was für ein Erlebnis für uns alle! Unter meiner Sonnenbrille kullerten ein paar Freudentränchen.





Nachdem wir dieses Gefühl und die Ausblicke ausgiebig genossen hatten, begaben wir uns in den Abstieg, den selben Weg in umgekehrter Richtung wieder zurück. Angeseilt auf dem Gletscher liefen wir langsam wieder in die Wolke hinein und am Joch war es wieder dicht.



Unterhalb vom Klettersteig war inzwischen einiges an Steinchen abgerieselt, so daß wir etwas zur Eile gerufen wurden und wir uns schnell rückwärts durch die steile Schneerinne hinabpickelten bis wir aus der Gefahrenzone raus waren. Hier scheint es in den letzten paar Jahren immer mehr Abgänge zu geben, so daß eine Besteigung im Hochsommer inzwischen höchstgefährlich bis nicht mehr möglich geworden ist. Unten wieder im Kar angekommen entledigten wir uns unserer Ausrüstung und machten noch eine kleine Pause bevor es zurück zur Hütte ging, die wir nach insgesamt 9h erreichten. Nun schien auch hier die Sonne und wir saßen noch auf der Terrasse zusammen, um gemeinsam unseren Gipfel zu feiern.




Wieder gab es eine kurze Nachbesprechung, bei der sich unser Führer sehr zufrieden mit uns zeigte, und ich glaube wir konnten alle stolz auf uns sein.
25.06.2023
Heute wieder Frühstück um 7.30 Uhr. Alles lies sich sehr gemütlich an, alle 7 Sachen einpacken, und bevor wir endgültig zum Auto absteigen sollten, wartete noch das Wilde Mannle (3023m) auf uns. Wir waren alle gut drauf und hatten Lust, auch noch diesen Gipfel mitzunehmen.
So liefen wir bei sonnigstem Wetter unterhalb des Rofenkarferners gen Osten. Man muß ein Stück absteigen bevor man wieder hochgeht bis zum Einstieg in ein kleines Stück Klettersteigchen hoch zum Gipfelrücken des Wilden Mannle. Auf diesem geht es dann über Blockwerk und teilweise auch hier noch Schneefelder bis vorne zum Kreuz. Ein kleiner aber dennoch lohnender Gipfel, auf dem wir uns nochmal etwas Zeit ließen bevor es nach unten ins Tal zum Auto zurück ging.






Auch wenn das Wetter nicht ganz von Beginn an so makellos war, war’s ein sehr gelungener Ausflug ins hochgelegene Ötztal mit einer wahnsinnig abwechslungsreichen und unvergeßlichen Traumtour am Samstag!
