Bei den Überlegungen, die ich bezüglich meiner Urlaube im Jahr 2019 anstellte, stand sehr schnell fest, daß eine Mehrtagestour mit dem Rad nicht fehlen durfte, doch wohin sollte es diesmal gehen? Nachdem mir der Donauradweg im letzten Jahr sehr zugesagt hatte, war es naheliegend, wieder einem Fluß zu folgen. Zum einen halten sich die Höhenmeter in Grenzen, zum anderen sind die Wege meist gut beschildert und problemlos zu finden, desweiteren sind meist viele gute Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden und auch die Werkstätten, wenn man denn mal eine Panne hat, liegen oft in der Nähe des Weges. Natürlich ist auch der Anblick eines Gewässers meist idyllisch und besonders.
Zu Beginn dachte ich an den Saaleradweg – die Idee kam bei einer Wanderung, die an der Saalequelle bei Zell im Fichtelgebirge vorbeiführte. Doch die Strecke beträgt gesamt nur etwas über 400km und ich hatte mich für den Zeitraum zwischen Himmelfahrt und Pfingsten entschieden – somit hatte ich um die 10 Fahrtage auszufüllen.
Eine Übersicht im Internet verschaffte mir einen Überblick der verschiedenen Distanzen von Radwegen an Flüssen entlang – und da stand er plötzlich vor meinen Augen: der Elberadweg… 1220km von der Quelle im Riesengebirge bis zur Mündung in die Nordsee bei Cuxhaven. Da aber noch immer mein Rennrad als Tourenrad dient, war schnell klar, daß die Anfangsetappen bis Prag wohl nicht ganz tauglich dafür waren. Zwar sollen sie landschaftlich wunderschön sein, aber man kann ja stets nicht alles haben. Somit war der Plan gemacht – die 1000km von Prag bis nach Cuxhaven sollten mein Ziel werden.
In der folgenden Zeit las ich viel über den Weg, besorgte mir die beiden Bände Radführer, einmal von Prag bis Magdeburg und von Magdeburg bis Cuxhaven und trainierte natürlich, so oft das Wetter mitspielte. Leider wurde es Anfang / Mitte Mai nochmal sehr kalt, so daß die Vorbereitung hätte besser sein können, als sie es am Ende vor der Tour war.
Noch zur Info: der Elberadweg führt zuerst durch Tschechien und dann durch 7 deutsche Bundesländer: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein
Da ich das hier schreibe sind es noch genau drei Tage bis es losgeht. Ich werde mit dem Flixbus Mittwoch Nachmittag von Bayreuth nach Prag fahren und dann einen der nächsten Zeltplätze anfahren, bevor ich am Donnerstag richtig durchstarten werde.
Mein Fahrrad ist gerichtet, eine neue Kette aufgezogen, Gepäckträger und Schutzbleche montiert. Meine beiden Gepäcktaschen wiegen zusammen ca. 12kg, dazu kommen noch ca. 2l Wasser und eine gefüllte Brotzeitdose. Ich reise mit Zelt, dünnem Schlafsack und Isomatte, habe einen kleinen Topf und Kocher dabei, ein paar Ersatzteile (Zug, Schlauch, Reifen), Kettenöl, Werkzeug, Flickzeug. Regenschutz soll eine Regenjacke, Überschuhe und eine Rucksackregenhülle für den Schlafsack sein, die Taschen sind wasserdicht. Zu essen werde ich mit etwas Brotzeit starten und an Supermärkten immer wieder auffüllen, außerdem gibt es selbstgemachte Müsliriegel, Traubenzucker und löslichen Zitronentee für die Trinkflaschen sowie löslichen Kaffee für morgens. Dabei ist noch ein kleines Erste-Hilfe-Set, die üblichen Hygieneartikel klein portioniert und Sonnencreme, die ich hoffentlich brauchen werde. Zu zwei Garnituren Radklamotten kommen ein Langarmshirt, eine Windjacke, ein Pulli, eine leichte Stoffhose und die Daunenjacke – Badelatschen natürlich auch noch. Die Radwegführer, sowie eine Stirnlampe und die Powerbank bilden neben etwas Geld und Ausweis sowie der Krankenversicherungskarte,dem Handy und dem Fotoapparat das Ende meiner Ausrüstungsliste.
Wie gehe ich die Sache an? Ich werde von Tag zu Tag planen. Angedachte Tagesziele sehe ich zwischen 100 und 120km. In diesen Abschnitten werde ich mir Zeltplätze ausfindig machen, die ich dann anfahren kann je nach Kraft und Lust am Abend. Bei stärkerem Regen kann es auch mal eine Pension werden – wie auch immer.
Überlegung ist auch noch, einen Abstecher an die Saale zu machen und die Geburtsstadt meines Papas zu besuchen, um vielleicht dort einen halben Pausentag einzulegen. Ob ich die 40km mehr in Kauf nehme, entscheide ich vor Ort, wenn es so weit ist.


Ein bißchen nervös bin ich, das muß ich sagen. Es wird meine derzeit mit Abstand längste Tour, die ich alleine angehe. Zu zweit oder zu mehreren kann man sich doch gegenseitig unterstützen, etwas an Arbeit abnehmen, Eindrücke teilen und vor allem sich gegenseitig motivieren. Bin gespannt, wie ich mich alleine motivieren kann und wo die Tour für mich enden wird – in zwei Wochen werde ich es wissen… Trotz allen Ungewißheiten – ich freue mich riesig!!!
29.05.2019

Der Flixbus kam verspätet an und fuhr 20 Minuten verspätet ab, holte bis Prag aber wieder 10 Minuten raus… Im Bus waren recht unangenehme Zeitgenossen, später ein Inder, der sich wohl die Welt (in Städten) ansehen wollte, mit dem ich mich bißchen unterhielt. So stand ich in Prag bei etwas Sonnenschein mit meinem Rad und dem Packsack, der meine Packtaschen enthielt. Ich befestigte alles am Rad und los ging es. War nicht so einfach, den Campingplatz zu finden, den ich mir ausgesucht hatte, aber ich wurde nett empfangen und bekam einen Platz in der frisch gemähten Wiese. Nach dem Zeltaufbau ist mir aufgefallen, daß ich zwar meine Powerbank dabei hatte, nicht aber mein Ladekabel und den Netzstecker – es war und blieb das Einzige, was ich vergessen hatte… Ein netter Nachbar lieh mir sein Kabel, damit ich mein Handy neu laden konnte. Die Nacht war kalt. Ich zog alles an, was ich hatte, inklusive Daunenjacke und zog meinen Packsack über die Füße, trotzdem fror ich. Es war laut von einem Wehr oder sowas nebenan, was sich am nächsten Tag als Fischtreppe herausstellen sollte.
30.05.2019
Ich stellte meinen Wecker auf 6 Uhr und kroch wenig später in sehr kühler Morgenluft aus dem Schlafsack. Alles war klamm und kalt. Einpacken, ein bißchen was essen, und kurz nach 7 ging es los.Die Sonne strahlte und mir wurde bald warm – blauer Himmel ringsum den ganzen Tag. Die ersten 4km waren gut, dann hatte ich zu entscheiden – Straße hoch und runter oder Wiesenweg – ich entschied für das Zweite. 15Km Wiesenpfad, Steine, Wurzeln, hohes Gras, Matsch, glitschig teilweise – nicht geeignet für mein Rad, aber irgendwie ging es doch. Hinterher war alles naß, auch meine Füße, aber die Sonne kam immer wieder hervor und wärmte. Ein kleiner Sturz entstand mehr oder weniger im Stehen, als ich mit dem linken Standbein ausgerutscht bin. Knie war offen, Pulli verdreckt, aber sonst alles ok, nur das Rad knirschte und der Dreck unter dem Schutzblech ließ das Hinterrad mehrmals blockieren, so daß ich öfters anhalten und säubern mußte. Hierfür ist mein Rad einfach nicht geschaffen, dennoch ging es irgendwie mit enormen Zeitverlust selbstverständlich. Einmal kurz vor Melnik mußte ich mein Rad über eine Brücke tragen – Gepäck abnehmen, Rad hoch und rüber, Gepäck hoch und rüber. Alternative wäre eine Fähre gewesen, auf die ich irgendwie keine Lust hatte in dem Moment. Danach ging es anständig weiter, z.B. vorbei an Burg Schreckenstein bei Usti, die herrlich auf einem riesen Felsen thront. Paar Steigungen, an denen ich zum Teil schieben mußte zwecks dem Gepäck, aber ok. 146Km am ersten Tag bis Decin. Campingplatz direkt unter einer Brücke mit Schwerlastverkehr, aber sonst angenehm dort. Der Wind kam heute hauptsächlich von vorne. Ich war platt, konnte gut schlafen und fror noch ein bißchen, aber es war auf jeden Fall wärmer als in der ersten Nacht.



31.05.2019
Am Morgen fragte mich ein Herr am Platz, wo ich herkomme, und ich sagte ‚gestern aus Prag an der Elbe entlang‘, worauf er fast sprachlos war. Bis dahin empfand ich meine Tour als wenig spektakulär.
Nun startete also Tag zwei um wieder ca. 7 Uhr, an dem es durch das Elbsandsteingebirge ging – natürlich immer schön unten am Fluß entlang. Vormittags war es noch öfters bewölkt, aber es riß immer mehr auf und wurde dann auch warm. Sehr bald nach dem Start kam ich an die Deutsch-Tschechische Grenze – sehr unspektakulär, aber doch ein Grund, kurz anzuhalten und ein Foto zu machen. Eine ganze Weile stellt die Elbe die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland (Sachsen) dar. Ich war schon auf der deutschen Seite – ein wunderschön ruhiger Radweg. Es sollte mir jeden Tag so gehen, daß ich die Stunden bis 9 Uhr quasi allein unterwegs war. Die Radfahrer starten erst dann so langsam. Auch um die Mittagszeit war merklich weniger los – klar, wenn man nur 50-70km am Tag macht, wie die meisten, dann reicht das ja vollkommen. Ich richtete mich so ein, daß ich nach dem Aufstehen ein Brot aß, dann beim nächsten Bäcker oder Supermarkt hielt, um mir etwas Proviant zu kaufen. Jeweils nach 40-50km machte ich nochmal Halt und mein zweites Frühstück sozusagen, und dann gab es bei rund 90-100km meine Mittagspause. Eingekehrt bin ich während meiner Tour allerdings nicht. Es gab diese Woche nur kalte Mahlzeiten, da ich meinen Kocher noch zu Hause wieder ausgepackt habe, da die Dichtung am Gas undicht zu sein scheint – klar, das Ding ist schließlich mindestens 40 Jahre alt…
Heute ging es an Bad Schandau vorbei, wo ich mit Papa zu seinem 60. drei Tage unterwegs war, vorbei an der Burg Königstein und der bekannten Bastei. Danach durch Pirna hindurch und schon stand ich in Dresden, Meißen und schließlich Riesa, wo ich übernachten wollte.





An dem Zeltplatz, wo ich übernachten wollte, kurz vor Riesa, war tote Hose. Ich hätte zwar eine Nummer anrufen und dort zelten können, aber ich hätte noch einen Supermarkt gebraucht. Also fuhr ich bis in die Stadt rein. Dort fand ich ein Touristeninfobüro, indem sie mir sagten, man könne hier am Bootshaus zelten. Perfekt! Ich deckte mich im Supermarkt mitten in der Stadt ein und radelte hinunter zur Elbe. Es kamen auch gleich zwei Leute, die mir einen Schlüssel gaben, damit ich auf Toilette konnte, ich rief den Zuständigen an, der mir einen Platz zeigte, an dem ich schlafen konnte, und kassierte. Alle sehr freundlich und ein bißchen erstaunt, wo ich herkomme. Es wären viele Frauen alleine unterwegs – das wunderte sie etwas. Abends war hier am Platz und am Bootshaus nebenan noch Trubel, Training und gemütliches Beisammensein – sicher eine schöne Art des Sports, Rudern, Kajak, oder was es nicht alles gibt, wenn man an so einem Fluß wohnt.
Hier zum ersten Mal Wäsche waschen, und nachts war ich ganz allein auf dem Platz.
Gefahren bin ich heute 121km, nicht ganz so viel, aber es war auch zeitweise ganz schön (gegen)windig, zum Schluß viel Kopfsteinpflaster, was auch nicht übermäßig toll zu fahren ist mit meinem Rad, und das Wetter nicht ganz so sonnig wie gestern. Ich brauche doch Sonne – die ist mein zweiter Antrieb! Dafür war es nachts jetzt endlich kuschelig warm.
01.06.2019

Wieder um 7 los, um ca. 9 Uhr machte ich Pause nach 35km, danach ging es kurz hinter Belgern einen Hügel hoch auf irgendwelchen Betonplatten, die auch nicht sehr eben verlegt waren, durch den Wald. Oben angekommen auf dem Teer holperte mein Rad weiter… Ich hatte einen Platten hinten. Ein kleines Löchlein auf der Lauffläche, das ich gut flicken konnte. Alle, die vorbeifuhren, als ich so am Wegrand stand und flickte, fragten mich, ob ich Hilfe bräuchte. Auch ein junger Mann kam vorbei mit einem quietschenden Rad, den ich noch 2x treffen sollte. Ein Herr, der mit seinem Hund spazieren war, fragte, wo ich herkomme und hinwolle. Er war begeistert von meinem Vorhaben und erzählte gleich dem nächsten Fußgänger, was ich hier durchziehen wollte. Alles kein Problem, allerdings ging mir beim Luft aufpumpen die Pumpe kaputt. Ich hatte gerade einigermaßen genug Luft im Reifen, um ein bißchen weiterzukommen, aber ich mußte unterwegs eine Gruppe von 4 Männern anhalten, ob sie eine gute Pumpe dabei hätten (mein Rad braucht schließlich 8bar) – das hatten sie und halfen mir sehr gern. Nun war ich also ein bißchen auf Glück angewiesen. An diesem Tag kam ich an keiner Tankstelle mehr vorbei, die meine 8bar auffüllen konnte, aber es ging soweit. Ich fuhr durch Torgau, Dommitzsch und in Richtung Elster.
Hier kurz vor der Fähre begegnete ich nochmal dem jungen Mann, der mit mir dann die Fähre nahm – ein lustiger Geselle. Hindurch durch Lutherstadt-Wittenberg und letztlich zu meinem Tagesziel Coswig, wo ich etwas außerhalb einen tollen Zeltplatz erreichte in einem Pinienwald an einem See, fast wie im Süden. Sehr nette Leute und ein genialer Platz zum Übernachten.



131km heute an einem tollen heißen Tag, an dem ich zum ersten Mal meine 2,75l Wasserflaschen unterwegs erneut auffüllen mußte. So gefällt mir das!
02.06.2019
Auch hier wieder früh los gegen 7. Heute wieder blauer Himmel und es wurde sehr heiß. Wind gegen mich, aber ich hatte nur einen kurzen Tag vor mir. Ich fuhr nach Roßlau, Dessau, Aken, wo ich noch eine 8bar-Tankstelle fand, und bog dann vom Elberadweg ab nach links zur Saale, nach Bernburg, der Geburtsstadt meines Papas. Aufgrund dessen, daß alles so prima geklappt hatte bisher konnte ich mir erlauben, dieses Stück zusätzlich mitzunehmen. Bernburg, auch wenn es nicht meine Heimat ist, fühle ich mich doch jedes mal ein bißchen wie heimkommen – eine irre schöne Stadt an der Saale, und ich sehe meinen Papa als jungen Kerl da rumspringen und Kajak fahren. Punkt 12 war ich nach 70km und viel Gegenwind inklusive einigen Steigungen dort und fuhr direkt zum Bootshaus neben dem Empor (wo mein Papa damals Kajak gefahren ist), wo es einen Campingplatz gibt. Sie können gern hier zelten, aber Sie kommen morgen nicht vor 9 / halb 10 hier raus. Wir haben heute geschlossen und morgen Ruhetag – so wurde ich empfangen, na toll! Und jetzt? Die Frau nannte mir einen Campingplatz unweit von hier, aber sie wisse nicht genau, wo das ist. Gut, weiter… Zum Glück fand ich per Google dann raus, daß ein Stück weiter Richtung Stadt ein Maritimer Club ist, an dem man zelten könnte. Ich fuhr dort hin, es waren Leute da, die sehr nett waren und Frühschoppen machten.



Ich konnte hier bleiben, duschen und Wäsche waschen und machte mich Nachmittags auf in die Stadt zu Fuß. Ich ging am Schloß vorbei. Der Bärenzwinger dort war leer. Als ich vor 7 Jahren zum letzten Mal hier war, waren dort noch zwei Braunbären im wunderschönen Gehege – schön anzusehen. Im Touristeninfobüro gab man mir unwillig Auskunft, daß die beiden im letzten Jahr kurz hintereinander gestorben waren, weil krank. Nun gäbe es Streit zwischen Tierschützern und Stadt, wieder Tiere hier einzusetzen. Der Herr tat komisch, als ich nach den Bären fragte.



Ich lief durch die Theaterstraße, an dem Haus vorbei, in dem mein Papa groß geworden ist, und in die Fußgängerzone. Es war wenig los, weil Sonntag. Auf dem Rückweg ging ich in eine Pizzeria und aß einen großen Teller Salat, dann zurück zu meinem Zelt. Abends kamen mehr Leute vom Verein, die noch ein bißchen Rudertraining machten. Zwei Kinder waren mit ihren Fahrrädern am Platz – Josi und Jan. Sie stellten mir viele Fragen und deren Papa kam her und noch ein paar andere – es war ein lustiges Geplauder. Alles Ur-Bernburger, zu denen ich mich ein bißchen zugehörig empfand – sehr schöner Abend!
Ich ging bald schlafen und war hier dann ganz allein. Nachts ein fürchterliches Krachen, wie wenn Bäume umgefallen sind. Ich wachte auf, aber konnte hier direkt nichts sehen. War nur kurz etwas unruhig.
03.06.2019

Am nächsten Tag ging es in idyllischer Saalelandschaft zurück zur Elbe nach Barby, dort fließt die Saale in die Elbe. Start wieder gegen 7, eine Fähre über die Saale mit sehr nettem Fährman, der seinen Job glaub sehr gern macht. Es wurden heute 3 Fähren insgesamt.
In Pretzien in einer Touristeninfo fragte ich nach einem Radladen, weil ich mir doch endlich eine neue Pumpe kaufen wollte, aber die Dame wollte mich wieder zurück nach Barby schicken (20km hinter mir). Naja, die hatte irgendwie keine Ahnung und Karte lesen konnte sie auch nicht – genau die Richtige für so einen Job direkt am Elberadweg…
Jetzt auf nach Magdeburg, wo ich mir erstmal einen Radladen suchte, um eine neue Luftpumpe zu kaufen, die ich nicht mehr brauchen sollte auf diesem Weg – soviel vorab. Nun wurde das Ganze ländlicher und verlassener. Ziel für heute war eigentlich ein Zeltplatz kurz hinter Bittkau, aber es kamen dunkle Wolken auf und Wind. In Bittkau an einem Haus, wo Zimmer frei stand. Mein Zelt hält sicher etwas Regen ab, aber zu viel wohl auch nicht, und ich entschied mich spontan, hier anzurufen und hierzubleiben wenn möglich. Die Entscheidung stellte sich als sehr gut heraus, denn es regnete wirklich einiges über Nacht. Ich hatte eine kleine Wohnung für mich, Bad mit Dusche, also wieder Wäsche waschen und noch draußen sitzen bis der Regen anfing. Der Eigentümer setzte sich noch zu mir, und wir hatten einen schönen Abend mit ein paar Biers (zuviel), aber das muß auch mal sein!
130km waren es bis hierher, damit hatte ich 598 gesamt.




04.06.2019

An diesem Tag war es trüb und nieselig früh. Ich nahm bei Grieben die Fähre und fuhr dann knapp 50km Bundesstraße entlang, weil die Wege sonst nicht sonderlich prickelnd waren. Irre, was es hier noch für Kopfsteinpflaster gibt. Ein Stück vor Havelberg machte ich mein zweites Frühstück, als zwei junge Männer vorbeikamen, mit denen ich mich eine Weile unterhielt. Sie sollte ich auch nochmal treffen – die waren ähnlich schnell wie ich unterwegs. An der Bundesstraße dachte ich, dies wird ein langweiliger Trainingstag. ich fühlte mich gut, und ich wußte ja nicht, was da noch kommen sollte.
Kilometerlang am Deich oder über die Deiche hinweg, allesamt mit Rückenwind und Nebel und Niesel verschwanden. Jetzt wieder herrlichstes Sommerwetter, heiß, einfach toll! Nach 90km brauchte ich wieder neues Wasser und fuhr dann bis Dömitz in Mecklenburg-Vorpommern immer rechts der Elbe. Unterwegs noch durch das Storchendorf Rühstädt. Hier ist auf jedem 3. oder 4. Haus ein Storchennest, und die meisten Störche waren zu Hause. In Dömitz fand ich einen Wasserwanderverein, wo man zelten konnte. Meine Abendunterhaltung war ein Paar aus Stuttgart, sie aus Venezuela, die geheiratet hatten, aber um ihre Aufenthaltsgenehmigung kämpfen mußten. Sie sind von Stuttgart aus bis hier gefahren und hatten noch 3 Wochen Radtour vor sich – nicht schlecht!
Es waren damit 141km heute, ich war beflügelt vom Wetter und einfach top in Form!



05.06.2019
Der Himmel war wechselhaft, ich startete heute schon um 6.15, weil einfach früh wach und munter, was auch gut so war, denn es sollten 154km werden bis kurz hinter Hamburg. Es nieselte kurz nach 3-4km, wo ich mich unterstellen konnte, dann wieder gutes Wetter den ganzen Tag und heiß. Ich fuhr mal Fähre, sonst der Elbe entlang und kam danach auf gefühlt ewig gerader Strecke irgendwie nach Hamburg rein. Die zwei Männer von gestern traf ich nochmal 40km nach Start. Sie hatten auch in Dömitz übernachtet, nicht weit weg von mir. Wir sprachen über das Ziel, am Freitag in Cuxhaven zu sein, jetzt gar nicht mehr so unwahrscheinlich, auch für mich nicht.
Durch Hamburg war eine Odyssee. Ich hasse Großstädte immer mehr, und mit dem Rad durch und entlang mit viel Gepäck macht das Ganze nicht besser. Irgendwann hatte ich es geschafft, und ich kam zu einem Campingplatz kurz hinter Blankenese, 12km aus Hamburg raus. Der Platz bestand nur aus Sand – ich mag keinen Sand, aber ich konnte auch nicht mehr weiter… Sand ist irgendwann überall… Man sollte das Rad vorne abstellen, alles Gepäck auf einen Plastikschlitten laden und zum Zeltplatz ziehen – na bravo… naja, es gab keine andere Möglichkeit für mich, ich war einfach platt. Die Beine hatten mir heute zu schaffen gemacht, so langsam merkte ich die Tour dann wohl doch. Aber auch dieser Abend wurde noch ganz ok, wenn auch nicht lang. Heute ohne Gesprächspartner – die Leute hier waren nicht mit dem Rad unterwegs, zumindest nicht so wie ich – ein ganz anderer Schlag Mensch. Großstadtmenschen, die meinen, hier in der Natur zu sein…



06.06.2019
Früh packte ich meine sandigen sieben Sachen und saß um dreiviertel 7 auf dem Rad in Richtung Ziel. ca. 120km sollten es heute noch sein, was machbar gewesen wäre – zum Glück ahnte ich noch nichts von dem harten Kampf, den ich vor mir hatte.
Schnell merkte ich, daß sich meine Beine wieder top erholt hatten und fuhr dahin. Erst noch ein bißchen Stadtgeeier, Ausläufer von Hamburg, dann auf recht gerader Strecke am Fluß entlang.

Der Himmel sah gefährlich schwarz aus auf der linken Seite. In Hohenhorst stoppte ich bei einer Bäckerei, um mir ein belegtes Brötchen zu kaufen. Die Frau sprach mich an, wo ich hinwolle und wies mich auf die Sperrwerke hin. Welche Sperrwerke? Was ist das? Nie davon gehört, nur in der Karte irgendwas entdeckt gehabt, wo steht „geöffnet 1.Mai bis 31. September“ – damit war für mich alles gut, dachte ich. Heute weiß ich, (s. Quelle Wikipedia): „Sperrwerke sind im Wasserbau Querbauwerke in einem Tidefluss, also einem Fluss, dessen Wasserstand aufgrund der Gezeiten stark schwankt. Diese Querbauwerke haben Öffnungen, die bei Bedarf geschlossen werden können, um das dahinter liegende Binnenland vor Überflutungen zu schützen.“ So, hier lagen also zwei Sperrwerke vor mir in Entfernung von 3 und 7-8km. Die Frau erklärte mir, daß das Erste in einer halben Stunde öffnen würde, das Zweite dann eine halbe Stunde später – klang gut. Ein kurzer Blick auf die Karte zeigte mir, daß sich diese Sperrwerke auch umfahren ließen, und da ich grad gut drauf war, nahm ich die Umfahrung des Ersten, des Pinnau Sperrwerkes, (ca. 7-8km mehr) in Angriff. Für das Zweite, das Krückau Sperrwerk wäre eine Umfahrung über Elmshorn möglich gewesen, aber das wären bestimmt 15-20km mehr, was ich nicht wollte. Auf dem Weg durch ein paar Ortschaften wurde es immer schwärzer über mir und donnerte bereits. Entgegen einiger Aussagen, daß die Gewitter hier selten „über die Elbe springen“, kam es heute scheinbar anders. Ich befand mich gerade auf Freifläche mit nur ein paar Baumgruppen, als es zu prasseln anfing, so rettete ich mich schnell unter einen Baum, zog meine Regensachen an (Regenjacke, Überschuhe und Rucksackhülle über das Zelt drüber) und packte meine kleine Tasche weg, die nicht wasserdicht ist. So, und jetzt war auch das Gewitter hier… Ich entfernte mich vom Rad, aber ganz wohl war mir in diesem Moment wirklich nicht. Zum Glück war es bald vorüber. Im Regen ging es weiter, und ich beeilte mich, zum nächsten Sperrwerk zu kommen. Ich wußte in diesem Moment nicht, daß es bis Nachmittags geöffnet blieb, hatte die Frau irgendwie so verstanden, daß es nach kurzer Zeit wieder schließt, was aber nicht der Fall war. Alles in Ordnung soweit. Ich kam durch und fuhr weiter bis ich endlich nach 55km heute mein zweites Frühstück machen konnte, doch schon einigermaßen gefordert heute.
Im Folgenden kam ein Tor nach dem anderen, schwere Stahltore, mit denen die Deiche getrennt sind, die umzäunt sind für die unzähligen Schafherden, die die Deiche abgrasen. Diese Tore mit dem schweren Rad zu passieren war nicht immer einfach und es kostete einfach Zeit – manchmal im Abstand von nicht mal einem Kilometer immer wieder absteigen, Tor auf, Rad durch, Tor zu. Dazu kamen die Schafe, die zu durchfahren waren, welche nicht immer freiwillig auf Seite gehen, ja manchmal sogar unerwartet in den Weg laufen, und wie es die Natur eben so will – die Schafe sollen ja auch die Deiche düngen – wissen diese Wollknäuel nichts von ihrem Zweck und kacken einfach auf den Beton. Hatte ich schon öfters in den vergangenen Tagen, war auch garnicht so schlimm, nur heute war die Scheiße eben naß – mhmmm, lecker. Mein Rad sah innerhalb weniger Meter aus wie Sau. Irgendwann hörte der Regen auf – endlich aufatmen, dachte ich. Regensachen ausziehen, weiter…
Was jetzt kam, war wohl das Schlimmste, was mich während meiner gesamten Tour erwartet hatte – ein Albtraum für jeden Radfahrer. Auf den nassen Betonwegen lag nasser Elbsand – nicht schlimm, kann mann schon mal durchfahren, aber ich täuschte mich hiermit gewaltig. Ich fuhr hindurch, der Sand klebte (vermutlich auch durch die Schafscheiße) am ganzen Reifen, der Hinterreifen, der nicht weit zu meinem Schutzblech hat, streifte das Schutzblech, welches wiederum den Sand abstreifte und somit alles auf meine Ritzel und die Kette warf. Es knirschte, und ich hielt sofort an mit einem richtigen Haufen Sand auf meinen Ritzeln – der Verzweiflung nah. So konnte ich keine 70km mehr weiterfahren – was nun? Kurze Resignation, dann wieder Klarheit – ich brauchte eine Bürste, ich hatte eine Zahnbürste. Prima Idee. Ich reinigte peinlichst Kette und Zahnkränze und fuhr die letzten Meter bis zur Fähre in Glückstadt, die mich das letzte Mal über die Elbe bringen sollte, weiter. (Anm. d. Red.: Vom Frühstück bis zur Fähre waren es ca. 10km – so viel wie hier hatte ich auf meiner kompletten Tour nicht erlebt).


Nochmal nettes Geplauder auf der Fähre mit einem Pärchen, das auch mit dem Rad auf Mehrtagestour unterwegs war – deren erste Testtour.

Von der gegenüberliegenden Seite bei Glückstadt rechnete ich mit rund 70km. Es war Mittags um zwölf Uhr – heute hatte ich kräftig Zeit verbraten für all die Schikanen. Aber gut, auch das noch machbar. Motiviert fuhr ich die nächsten 5km bis nach Freiburg, bevor es auf eine Freifläche ging, auf der ich 22km zurückzulegen hatte. Was hier begann, war unglaublich. Hatte ich heute zwar den ganzen Tag schon etwas Gegenwind, mit dem hier oben zu rechnen war, so kamen nun Sturmböen auf, die teilweise nur noch 13-14 km/h zuließen und mich fix und fertig machten. Die 22km fühlten sich an wie 70, und bei den letzten 5km dieser Tortur entschied ich mich, im nächsten Ort eine Unterkunft zu suchen, zumal der Himmel auch nicht zuverlässig schien. Ich war einfach erledigt. Brauche ich eben einen Tag länger.
Als ich mich der Ortschaft Hörne näherte bemerkte ich, daß ich gar nicht direkt durchkommen sollte, sondern nur dran vorbei. Extra reinfahren wollte ich nicht und hielt die nächste Ortschaft im Kopf, aber auch die (Neuhaus) streifte ich nur, und danach nahm ich eine kleine Abkürzung auf der Bundesstraße, was mich auch die übernächste Ortschaft nicht berühren ließ. So fuhr ich weiter bis ich schließlich vor einem Schild stand „Cuxhaven 28km“. Die Kilometer schmolzen also dahin und so spät war es auch noch nicht – ca. 14 Uhr. So biß ich mich, erstaunt von mir selber, doch noch durch. Die Böen ließen nicht nach, der Himmel weiterhin schwarz, ich fror, es war richtig kalt geworden und so kam ich kurz nach drei in Cuxhaven an, ein bißchen aber doch wenig euphorisch, daß ich es geschafft hatte, sondern einfach nur platt.
Ich fuhr nicht zum eigentlichen Ziel, dem Kugelbake, sondern steuerte direkt den Bahnhof an, um mir meine Rückfahrt für morgen zu sichern. Die Radplätze in den Fernzügen waren alle weg, so daß ich per Bummelzug würde reisen müssen mit zig Umstiegen von früh bis spät, aber was soll’s – ich mußte ja nach Hause. Danach zwecks Zimmer (ich wollte nicht die letzte Nacht noch im kalten Zelt schwimmen müssen) zur Touristeninfo, die, wie sollte es anders sein, geschlossen hatte. So, google rausgekramt, geguckt, wo hier viele Unterkünfte auf einem Haufen sind, und los ging’s in diese Richtung. Cuxhaven ist ganz schön groß… Als ich so fuhr, blickte ich doch mal wieder hoch zum Himmel. Was ich sah, war auf einmal strahlendes Blau in der Richtung, aus der den ganzen Tag über das Wetter gekommen war. Sofort war die gute Laune wieder da. Ich steuerte zunächst einen Supermarkt an, um ein bißchen Bier zu besorgen, und dann den nächsten Campingplatz. 124km heute – ich war am Ziel. Ob ich Kugelbake noch besuchen würde, ließ ich offen – heute ging nichts mehr. Als das Zelt stand und die Sachen am Rad zum Trocknen hingen, war die Sonne wieder da – ich hatte es tatsächlich geschafft, was ein Ritt. Jetzt kam die Freude auf, der Spaß, es war unglaublich für mich!!!


Ein paar technische Daten zu meiner Tour nochmal im Überblick:

- Gesamtstrecke für mich: 1017km von Prag bis nach Cuxhaven
- 7,5 Tage Fahrzeit, d.h. 135,6km pro Tag im Schnitt
- Durchschnittsgeschwindigkeit gesamt ca. 18km/h, d.h. 56,5h auf dem Rad
- 1 halber Pausentag am 4. Tag Nachmittags
- Steigungen sehr wenige, Grundtendenz fallend
- insgesamt doch viel Kopfsteinpflaster und unbefestigte Wege, aber fast alles fahrbar mit Rennrad
- 1 Platten
- 1 Mini-Sturz
- 1 Übernachtung im Zimmer, sonst nur Zelt
- 1x in den Regen gekommen
- Kosten außer Essen, was ich daheim ja auch brauche (eingekehrt bin ich nur einmal), liegen bei gesamt um die 200€
Flixbus 25,-
Camping Prag 5,-
Camping Decin 5,-
Camping Riesa 12,-
Camping Coswig 12,-
Camping Bernburg 10,-
Zimmer Bittkau 25,-
Camping Dömitz 12,50
Camping Hamburg 15,-
Camping Cuxhaven 14,-
Fähren gesamt ca. 15,-
Zugfahrt nach Hause 51,-
07.06.2019
Um 20 vor elf erst fuhr mein Zug in Cuxhaven. Auf war ich wieder sehr früh, da die Nacht nochmal richtig kalt geworden war und ich einfach fror. Gegen 7 kam die Sonne langsam über die Bäume und ich packte mein feuchtes Zeug (alles war irgendwie naß, weil so kalt)– diesmal anders als gewohnt – für die Heimreise. Ich hatte kurz nach 7 alles beisammen, und da ich somit wirklich noch Zeit hatte, entschloß ich erst jetzt, noch zum Kugelbake zu fahren – ca. 4km von hier. Es ist der nördlichste Punkt von Niedersachsen, wo die Elbe nun richtig in die Nordsee fließt, auch wenn sie schon kilometerlang vorher irre breit ist. Es schien gerade Ebbe zu sein, und riesiges Wattenmeer lag vor mir.


Dann aber auf zum Bahnhof, auch wenn ich sehr früh dran war – egal. Ich kaufte mir eine Zeitung über einen Philosophen – sehr passend – und etwas zu trinken und hockte mich in die Sonne, um zu lesen. Nun war meine Tour zuende.
Die Zugfahrt war nochmal sehr anstrengend mit 5x Umsteigen und irre viel los in den Zügen, Gehetze an den Bahnhöfen mit dem schweren Packsack und dem Rad. Gesamt wurde sie eine Stunde länger als geplant, wegen Verspätung eines einzigen Zuges, aber das ging noch. So war ich um 21.11 Uhr in Lichtenfels.
…back home sozusagen…
Hi Susan,
da fehlt der Bikini in der Packliste, oder?
Ich wünsche Dir eine super Tour👍🏻
LG,
Flo
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Guter Tipp – ich werde ihn ergänzen 😅! Auch wenn ich mich ans letzte Jahr an der Donau erinnere – da war er überflüssig…
Danke Dir, bin sehr gespannt!
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